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So natural

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Es war einmal...

.... das LesBiSchwule Magazin für Brandenburg „so natural" herausgegeben vom bis heute existierenden Landesverband  AndersARTiG e.V.  Dieser produzierte  von 1998 an diese  Informationsschrift zum Thema Homosexualität, gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Vereinsarbeit. In 2000 Exemplaren über das Land Brandenburg verteilt, diente die Zeitung als ein Sprachrohr für Bildungs-, Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Hervorgegangen war die Zeitschrift aus dem Heft von Lebensart e.V. (Cottbus) und der "TabuLosen Rundschau" (Potsdam). 

Das Magazin „so natural“ erschien im Jahr 1998 zum ersten Mal mit der November/ Dezember-Ausgabe und 2006 die vorerst letzte. Die finanzielle Abhängigkeit von Fördermitteln konnte keine Kontinuität über die sechs Jahresausgaben hinaus ermöglichen. Schon im Mai 2000 dachten sich die Macher, die Hoffnung stirbt zuletzt und brachten sogar ein eigen finanziertes Schwarz-Weiß-Heft „no so natural“ heraus.

Dass das Heft von Selbsthilfegruppen erstellt wurde und äußerst handgemacht wirkt, ist an den redaktionellen Beiträgen schnell zu erkennen und wirkt beim heutigen Lesen nicht unsympathisch. Die Art und Weise der Aufmachung ist typisch für ähnliche Projekte in den 90er Jahren. Die langen Texte können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Brandenburger LSBT-Community in diesem Zeitraum im Aufbau wähnte. Klare Strukturen oder aktuelle Tendenzen sind in hier nur schwer zu erkennen. Ein echtes Forum zu allen Themen der lesbisch schwulen Lebensweise und Präventionsarbeit im Land Brandenburg war damals eben schwierig zu organisieren.  

Ein Thema kam in diesem Heft nie zu kurz, die Infos zu den CSD-Touren. „Andersrum ist richtig rum“ war beispielsweise der Slogan der LesBiSchwulen CSD-Tour 1999. Da hallt das Grußwort von Ministerin Regine Hildebrandt heute noch nach: “Tja, Herr Kleinschmitd (damaliger OB von Cottbus), Ihre Spaziergänge gegen Gewalt und Fremdenhass in allen Ehren; vielleicht gelingt es ja zum neuen Jahrtausend, den Begriff „Tolerantes Brandenburg“ mit all seinen Facetten konsequent umzusetzen…“. Der von der Ministerin Gescholtene weigerte sich die Regenbogenfahne vor dem Cottbusser Rathaus zu hissen. Heute ist es in der Lausitzmetropole eine Selbstverständlichkeit.

Stars aus Kultur und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kamen in der Zeitung nicht zu kurz. Beispielsweise der Bericht zum schwulenfeindlichen Outing von Patrick Lindner in „Männer aktuell“ oder über den Trash beim CSD in Köln. Als besonders brisant war die Offenlegung des unrühmlich rassistischen Verhaltens Rudolf Scharping (SPD) als Verteidigungsminister:  „Homosexualität würde erhebliche Zweifel an der Eignung eines Menschen für Führungs-, Erziehungs-, und Ausbildungsfunktionen begründen“. Auch Prominente, wie das Popduo Rosenstolz, beteiligten sich mit ihrer Cover-Präsentation zur aktuellen Platte „Kassengift“ in der Ausgabe 08/09.2000 (und nochmals 11/12.2011) und einem Interview am Erhalt der „so natural“.

Halt schwierige politische Jahre, die die Arbeit der vielen kleinen Vereine auf den Plan rief und in „so natural“ ihre Vorstellung fanden; wie: die „Schwul-Lesbischen-Initiative Königswusterhausen e.V.“ (gegr. 1999), eine lesbisch schwule Jugendgruppe aus Eisenhüttenstadt als Beratungs- und Anlaufstelle oder die LesBiSchwule Hochschulgruppe „uniqueer“ Potsdam (gegr. 2000).
Ein besonderer Lichtblick, der  Artikel „Lesbisch auf dem Lande“ und „Lesbisch leben und lehren im Pfarrhaus“ (beide 11/12.2000). Man spricht von Täuschen und Tarnen auf dem Lande. Damals hatte die Landeskoordinierungsstelle für lesbisch schwule Belange auf dem Lande eben noch viel zu tun. 
Oder der Artikel von den sechs Volleyballerinnen aus Potsdam und Berlin, die im sportlich fairen Wettstreit mit Oldenburgern in einem super ausgestattetem Gay-House Gastfreundschaft vom allerfeinsten erfuhren. Da sind die „Neuruppiner Frauen für Frauen e.V.“ (gegr. 1999) noch weit entfernt, denn sie kämpfen sehr stark für ein ordentliches Frauenhaus, einem Mädchenprojekt und einer Kinderschutzstelle, wie man in einem weiteren Artikel erfährt. Die starke ehrenamtliche und eigenständig regionale Arbeit zur Antidiskriminierung der Lesben wird auch in der Aufzeigung mehrerer Artikel des „Brandenburger Lesbennetz“ gewürdigt. Mit Polit-Brunch, Lesben-Cafe und Selbstverteidigungskursen werden sie ins Licht der Öffentlichkeit gestellt.

Kurz vor der Umsetzung des Lebenspartnerschaftsgesetzes zum 1. August 2001 berichteten die "so-natural-Macher" von der Weltpremiere der Eheschließung vier homosexueller Paare in der Nacht zum 1. April 2001 in Amsterdam. Weiter schreiben sie, dass Sachsen-Anhalt als erstes Bundesland die eingetragene Lebensgemeinschaft vor dem Standesamt zuließ. Übrigens, am 1. August 2001 gaben sich im Hannoveraner Standesamt F. Harre und R. Lütschow als erstes homosexuelles Paar in Deutschland das Ja-Wort.
Aufklärend weist „so natural“ darauf hin, „Die unionsregierten Länder taten sich dagegen sehr schwer und deklarierten das Lebenspartnerschaftsgesetz sogar als Anschlag auf Ehe und Familie“. Frau Merkel bezeichnete es sogar als verfassungswidrig. In immer wiederkehrenden Artikeln zur Abwehrhaltung von CDU/CSU-Politikern stößt ganz besonders der zu binationalen Partnerschaften in Heft 6/7.2002 auf. Die zitierte Äußerung des Berliner CSU-Politikers Zeitlmann zur Härtefallregelung einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft mit einem Ausländer, „Dann können ja alle Schwulen ihren Lustknaben ins Land holen!“, grenzt schon an Menschenverachtung sonders gleichen.
Da war die presbyterianische Kirche in den USA schon weiter, da sie die Segnung lesbischer und schwuler Paare zuließ.

In der Ausgabe 11/12.2001 wird über die streng sträflichste Verfolgung homosexueller Männer in Russland berichtet. Trotz Abschaffung des §121 aus dem Strafgesetzbuch ist Homosexualität nach wie vor ein Diskriminierungsgrund in den Köpfen der Russen. Entgegen den westlichen Ländern gibt es keine gesellschaftliche Realität dieser „Fun-Gesellschaft“. (die zurückhaltende Szene kann man vertiefen unter www.gay.ru).

Das Thema Kinderwunsch in schwul oder lesbischen Beziehungen war ein hochbrisantes Thema. Gerade zur Adoption und bei der Erweiterung des Lebenspartnerschaftsgesetzes hätte man mehr Inhalt und Feingefühl erwarten können, um rechtliche Hürden aufzuzeigen und den Disput von Befürwortern und politischen Gegnern zu beleuchten. Die mit Aversionen vor Altbeziehungen gespickten Berichte und die mit rechtlichem Zweifelsgedusel über anonymen Samenspenden bedachten Artikel hätten spätestens an dieser Stelle professionellen Autoren überlassen werden müssen.

Und genau hier lag wohl auch die Begründung für das Aus der Zeitung, vor allem aber der Redaktion. Diese strebte in ihrem Selbstverständnis zum Schluss weit auseinander. Sollte das Blatt nun ein Verkündigungsorgan des Landesverbandes sein oder sollte es sich mehr zu einem professionell betreuten Magazin hinentwickeln? Die letzte Ausgabe der "so-natural" kündigte gleichzeitig Neues an. Hier berichtet das Printmedium über das neue Internetmedium www.gayBrandenburg.de. 

Man kann vieles „andersartig“ machen, und „so natural“ war anders. Es hat gezeigt, dass es sich mit der schwul-lesbischen Lebensweise auseinandersetzen konnte, aber zur Vertiefung der Belange seiner Leser hätte es mehr Durchhaltevermögen gebraucht.

Es war eben einmal…

 

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Text: Chris Katte
Grafik: Landesbüro Potsdam
Quellen: so natural (Herausgeber AndersARTiG e.V.) 

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